Christine Brinck: Mütterkriege

Bevor ich irgendetwas über dieses Buch schreibe, lege ich ein Bekenntnis ab: Ich gehöre in drei der vielen Schubladen, derer sich die Autorin bedient: Teilzeitarbeitender Vater (sehr gut), hat sein Kind mit 10 Monaten in Fremdbetreuung gegeben (sehr schlecht), wurde in der DDR in Krippe und Kita ab dem 1. Lebensjahr fremdbetreut (ganz, ganz schlecht).

Das Buch ist ein Beitrag zur aktuellen Debatte um Krippenausbau und Elterngeld, zum Disput um häusliche Erziehung und Fremdbetreuung. Dabei kommt die Autorin relativ schnell zur Erkenntnis, dass es für die meisten Eltern und insbesondere die Mütter nicht um ein Entweder-oder (Entweder erzieht Mama das Kind daheim oder es überlässt es der Krippe), sondern um ein entspanntes Sowohl-als-auch geht: Kindchen ein paar Stunden in eine gute Krippeneinrichtung und dann immer noch genügend gemeinsame Zeit für Eltern und Kind.

Leider gelingt es der Autorin nicht, in ihrem Buch das Sowohl-als-auch als gute Option in den Vordergrund zu rücken. Vielmehr verwendet sie vier Techniken, um auf recht brachiale Weise allen, die nicht ihrer vorgefertigten Meinung sind (siehe Schubladen oben) in die korrekte Spur zu verhelfen.

1. Erzählen der Wirklichkeit von den Rändern her, von den Extremen

Bis zu 50 Kinder in einer Gruppe, Betreuungszeiten zwischen 10 und 12 Stunden, drei Monate alte Kinder fremdbetreut, wechselndes, schlecht ausgebildetes Personal in den Kitas und Krippen. Mit dieser Auswahl an Extremen zeichnet Brinck das Bild bundesdeutscher Kita-Wirklichkeit. Was sie eigentlich nicht will (entweder-oder) macht sie so zur Leitlinie ihrer Argumentation. Schuldig bleibt sie allerdings eine Bestandsaufnahme, wie viele Kinder in welchem Alter wie viele Stunden tatsächlich in einer Einrichtung betreut werden. Und wenn sie dazu keine Zahlen gefunden hat, müsste sie welche einfordern.

2. Viel behaupten, wenig belegen

Die unter 1. beschriebenen Extreme werden durch das Buch hindurch als allgemeingültig unterstellt. Wie gesagt: Die Belege dafür fehlen.

Weiteres Beispiel gefällig? Familiäre Erziehung sei besser als jene vom Staat. Eine beredte Sprache sprächen da „die Ergebnisse früherer Massen-Fremdbetreuung in der DDR und den anderen Ostblock-Ländern.“ Welche Ergebnisse, wo?

Oder auch: „[…] doch sind unsere Rollen als Väter und Mütter nicht austauschbar, auch wenn die Gender-mainstreaming-Advokaten die Eltern am liebsten androgyn sehen würden.“ Quellen: Keine.

3. Mitgefühl simulieren, aber kneifen, wenn es drauf ankommt

Der Autorin geht es um das Wohl des Kindes. Doch die Krippen sollten nicht (hauptsächlich) für die Besserverdienenden und Besserausgebildeten da sein. Die könnten die Kinder ja verantwortungsvoll selber betreuen, könnten sich das auch leisten. Vielmehr wäre es notwendig, in den sozialen Brennpunkten die Fremdbetreuung massiv anzukurbeln. Für die Benachteiligten dieser Gesellschaft würden sich gut ausgestattete Betreuungseinrichtungen besonders eignen. Ach? Eine Frage dazu: Wie stellt sich die Autorin vor, dass die Eltern einwilligen, ihre Kinder in Obhut zu geben? All das erscheint doch sehr halbgar und wohlfeil.

4. Diffamierende Metaphern verwenden

Da reicht ein Beispiel: „Jeder, der sich einen Hund anschafft, um ihn anschließend in die Hundepension zu bringen, würde von Tierfreunden als unmenschlich gebrandmarkt. Mit einem Kind soll das aber gehen?“

Mit ein wenig Lektorat, einer gescheiteren Struktur, mit etwas mehr Belegen und weniger Behauptungen, mit etwas weniger Betroffenheitssimulation und weniger Schaum vor dem Mund hätte aus dem Buch ein konstruktiver Debattenbeitrag werden können. So wirkt es wie ein schnell zusammengewürfeltes Potpourri aus Meinung, Beleidigung und dünner Argumentation, um noch das Trittbrett des fahrenden Themenzuges zu erwischen.

Irgendwie unsympathisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.