Sozialer Vergleich bildet Identität

Exkurs: Schneewittchen und die sieben Zwerge
Teil 10: Neid trägt viele Kleiderc
Teil 11: Aus der Sprachlosigkeit finden, wenn Neid die Stimmung trübt
Teil 12: Fragen zum eigenen Neid, die sich zu stellen lohnen
Teil 13: Produktiver Umgang mit Neid erwünscht
Teil 14: Neid in sozialen Beziehungen – kulturelle und psychologische Grundlagen
Teil 15: Neid: Wie Tradition und Innovation sich blockieren
Teil 16: Der soziale Vergleich als Wurzel des Übels?

Durch diese sozialen Erfahrungen lernen wir, wie selbstverständlich es ist, uns miteinander zu vergleichen. Wir denken nichts Schlechtes dabei, denn wir brauchen den Vergleich in unseren Reifungsprozessen, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Welt erkennen und eine Haltung dazu einnehmen zu können. Das Kind vergleicht beispielsweise die Käsebrote und den Apfel, die es mit in den Kindergarten nimmt, mit dem Müsliriegel, den ein anderes Kind in der Tasche hat. Dann erkennt das Kind mit den Broten zunächst einmal, dass überhaupt die Möglichkeit besteht, an Stelle der Brote im Kindergarten Müsliriegel zu essen. Daraufhin begehrt das Kind die Müsliriegel des anderen, wenn diese ihm denn schmecken. Der Vergleich geht zu den eigenen Ungunsten aus – und die Mutter wird sich Gedanken machen müssen, wie sie die neuen Bedürfnisse des Kindes stillt und eventuellen Neid dämpft.

Auch Tiere konkurrieren ja schon miteinander, sei es um die attraktivste Gefährtin oder das prächtigste Geweih. Wir scheinen also naturnotwendig dazu verurteilt, uns zu beobachten und die Ergebnisse zu vergleichen. So bemerken wir die Unterschiede zwischen uns. Daran können auch alle gleichmacherischen Ideen der Weltgeschichte nichts ändern: Unterschiede zwischen uns sind ein wichtiges Merkmal der eigenen Identitätsbildung. Wir alle vergleichen von frühester Kindheit – und sollten es auch ohne schlechtes Gewissen tun.

Der Umkehrschluss nämlich, wir bräuchten uns nur alle nicht mehr mit anderen zu vergleichen, und schon verschwände der Neid aus der Welt, geht fehl. Er missachtet die Notwendigkeit, sich im Rahmen der eigenen Entwicklung aneinander zu orientieren und aufeinander zu beziehen. Denn erst im Vergleich bemerken wir, wie wir vielleicht selbst gern wären. Im Vergleich nehmen wir ein Talent wahr, das wir selbst gern hätten, das uns aber aus welchem Grund auch immer fehlt.

Je nach Vergleichsdimension und Richtung des Vergleiches findet eine Selbstbewertung statt: Vergleichen wir uns aufwärts, also mit jemandem, den wir als überlegen wahrnehmen, in einer Dimension, die für uns von großer Bedeutung ist, so droht Gefahr für die resultierende Bewertung, den Selbstwert. Für eine Frau etwa, die für Haushalt und Kinder verantwortlich ist, gern aber auch ihrem Beruf nachginge, ergibt sich aus einem Vergleich mit ihrem berufstätigen Mann eine negative Selbstbewertung – und eine Quelle von Neid. Allerdings ist eine solche Bewertung nicht zwangsläufig bedrohlich. Die Orientierung daran, was der andere beruflich tut, kann auch dazu motivieren, selbst Mittel und Wege zu finden, den eigenen Wiedereinstieg in den Beruf umzusetzen.

Vergleichen wir uns abwärts, also mit jemandem, den wir als unterlegen wahrnehmen, in einer Dimension, die für uns von großer Bedeutung ist, so entsteht daraus eine positive Einschätzung des Selbstwertes: Da geht es also jemandem schlechter als uns selbst. Da hat jemand größere Schwierigkeiten. Für eine Frau beispielsweise, die das Familieneinkommen nach Hause bringt, bewirkt ein Vergleich mit ihrem arbeitslosen Mann eher positive Selbstbewertungen. Allerdings enthält dieser Abwärtsvergleich auch bedrohliche Anteile, denn niemand ist vor Arbeitslosigkeit gefeit: Versetzt die Frau sich in ihren Mann, der arbeitslos ist, so könnte sie diese Vorstellung als beunruhigend erleben. Das könnte sie daran hindern, positive Gefühle aus dem Vergleich abzuleiten.

In manchen Fällen ist es uns möglich, durch die Wahl einer adäquaten Vergleichsdimension mitzubestimmen, ob wir zu einer positiven oder einer negativen Selbsteinschätzung gelangen. In vielen anderen Fällen laufen die Vergleiche eher automatisiert ab und lassen sich nicht steuern. Gerade bei Vergleichen, in denen wir immer wieder routiniert zu denselben neidmotivierten Ergebnissen kommen, ist es kaum möglich, einfach die Vergleichsdimension zu wechseln. Eine Ausnahme gibt es: Das Paar geht diesen Dimensionswechsel gezielt an. Doch dazu später mehr.

Teil 18: Neid braucht Beziehung – und auch nicht

Neid in Partnerschaften: Literaturangaben

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