Neid braucht Beziehung – und auch nicht

Teil 11: Aus der Sprachlosigkeit finden, wenn Neid die Stimmung trübt
Teil 12: Fragen zum eigenen Neid, die sich zu stellen lohnen
Teil 13: Produktiver Umgang mit Neid erwünscht
Teil 14: Neid in sozialen Beziehungen – kulturelle und psychologische Grundlagen
Teil 15: Neid: Wie Tradition und Innovation sich blockieren
Teil 16: Der soziale Vergleich als Wurzel des Übels?
Teil 17: Sozialer Vergleich bildet Identität

Empfinden wir Neid, beruht das auf dem (für uns ungünstigen) sozialen Vergleich mit einem Menschen, der uns ähnlich ist und mit dem wir uns identifizieren können. Derjenige muss uns in irgendeiner Weise berühren können, auch wenn er uns nicht nahe steht, ja wir ihn vielleicht nicht einmal kennen. Fremde, die uns nicht berühren, können noch so viel von dem besitzen, was wir auch gern hätten: Der Vergleich löst in den meisten Fällen keine emotionale Reaktion aus.

Das Ähnlichkeitsgebot ist eine Voraussetzung für den sozialen Vergleich. Um tatsächlich neidisch zu sein, brauchen wir jedoch eine Beziehung. Oder besser: Der Neid braucht die Beziehung – und kommt doch völlig ohne sie aus. Ohne einen anderen Menschen, auf den wir uns beziehen können, den wir um seine Talente, Fähigkeiten oder Chancen beneiden können, gäbe es keinen Neid. Und doch geschieht es, dass derjenige, auf den wir uns beziehen, auf den wir neidisch sind, nichts von unserem Neid bemerkt.

Das erscheint mir als das Beziehungsparadoxon des Neides: in Beziehung zu sein, ohne in Beziehung zu sein. Neid ist das einsamste Beziehungsgefühl, das unser emotionales Spektrum zu bieten hat, denn Neid schließt wechselseitige Gefühle aus. In den meisten Fällen wollen wir nicht, dass der Beneidete uns als Neider erkennt. Damit unterscheidet sich der Neid grundlegend von Trauer, Wut oder Angst, die meist entweder in der Abgeschiedenheit der Einsamkeit oder bezogen auf andere auftauchen, kaum jedoch gleichzeitig beide Seiten in uns ansprechen. Auch andere Gefühle wie Zuneigung und Bewunderung leben von der Hinwendung zum anderen, werden durch diesen gestärkt und im besten Fall erwidert.

Für Angst, Wut und Trauer genügen äußere Anlässe, materielle Verluste, sicher auch menschliche Auslöser. Doch wir brauchen andere Menschen nicht notwendigerweise für diese Gefühle. Neid dockt immer an einen Menschen an. „Der Fürst der Galle“, wie ihn der Psychoanalytiker Wolfgang Krüger nennt,9 giert nach den Eigenschaften des anderen, nach seiner Attraktivität, seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten, nach seiner sozialer Kompetenz, nach seinen besonderen Lebensumständen. Theoretisch ist es denkbar, dass wir auch auf uns selbst neidisch sind, wenn wir etwa im hohen Alter auf die eigene Jugend zurückschauen – aber dieses eher seltene Phänomen halte ich an dieser Stelle für vernachlässigbar.

Um neidisch zu sein, brauchen wir ein menschliches Gegenüber, das wir beneiden können. Und doch sind wir eingesperrt in einer Art emotionalem Gefängnis, einsam, beschämt, zurückgeworfen auf die eigene Minderwertigkeit und das Mangelerleben und ohne Chance, uns des Beneideten rückzuversichern. Der wahrgenommene Mangel, das ungestillte Begehren macht uns zu klein, um uns mit dem anderen als gleichwertig zu verbinden.

Obwohl das Gefühl aus der Beziehung resultiert, verbaut es uns zunächst den Weg hinein in die Beziehung. Es stört, schafft Distanz, weckt Scham, signalisiert Unterlegenheit. Gleichzeitig erinnert es uns an Autonomie, eigene Bedürfnisse, Ziele und Hoffnungen, die wir für den eigenen Lebensentwurf hegen. So vermag uns der Neid auf den Partner, den wir plötzlich empfinden, bewusst zu machen, dass wir es versäumt haben, uns um uns selbst zu kümmern.

Damit wird der Neid zum Signal, daran etwas zu verändern. So sehr wir das Gefühl vor unserem Beziehungspartner verbergen müssen, weil wir uns dafür schämen, so deutlich richtet sich die Botschaft an uns selbst:

  • Tu etwas! Handle!
  • Verbessere die Situation!
  • Erinnere dich der eigenen Träume!
  • Übernimm Verantwortung für dein Leben!

Vielleicht sehen wir den Beneideten schon auf dem Weg, das eine oder andere zu verwirklichen, von dem auch wir träumen. Unser Partner lernt Schlagzeug spielen, schließt sich einer Theatergruppe an oder befindet sich auf einer Reise, von der auch wir schon seit vielen Jahren träumen. Oder aber der Beneidete findet eine Arbeitsstelle, die einen entscheidenden Schritt in der Karriere darstellt. Oder er schwärmt von der guten Beziehung zu den Kindern, die uns selbst in den letzten Wochen wegen zu großer Geschäftigkeit abhanden gekommen ist.

Unser einsamer Neid inmitten der Beziehung wirft uns jedenfalls auf die Erkenntnis zurück, entweder sogleich tatkräftig etwas verändern zu müssen – oder eben die Fähigkeit zu entwickeln, den Dingen, die sich nicht einfach verändern lassen, gelassener gegenüber zu stehen.

Tipps: Dem Neid mit Gelassenheit begegnen
Tipps: Mehr Gelassenheit mit Wünschen und Bedürfnissen
Exkurs: Neid im Tierreich – Ein Versuch mit Kapuziner-Affen von Frans de Waal
Teil 19: Anlässe für Neid in Liebesbeziehungen
Teil 20: Beinflussbare und nicht-beeinflussbare Neidanlässe
Exkurs: Neid und Eifersucht – nahe Verwandte

Neid in Partnerschaften: Literaturangaben

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