Sexuelle Macht und sexuelle Potenz

Teil 1: Neid und Konkurrenz bei Paaren

Teil 28: Neid zwischen den Geschlechtern
Teil 29: Wie umgehen mit den neuen Lebenswirklichkeiten in Partnerschaften?
Teil 30: Männlicher Neid auf Frauen
Teil 31: Gebärneid – Frauen können Leben geben

Neidisch reagiert der Mann jedoch nicht nur auf die Leben schaffende Kraft der Frau. Auch die sexuelle Macht und die sexuelle Potenz der Frau wecken neidische Gefühle beim anderen Geschlecht. Frauen steuern die Beziehungsanbahnung und treffen die Entscheidung, welchen Partner sie an ihrer Seite sehen möchten. Sosehr sich Männer als Verführer betrachten, sosehr sind es die Frauen, die das Spiel bestimmen. Biologisch ist das auch sinnvoll, da die Sexualität der Fortpflanzung dient und die Frau das Kind austrägt. Frauen sichern sich mit der sexuellen Macht die Kontrolle darüber, welchem Mann sie potenziell die Möglichkeit geben, mit ihnen ein Kind zu zeugen. Die sexuelle Macht leitet sich damit folgerichtig aus den weiblichen Fähigkeiten ab, gebären und stillen zu können.

Da der Mann also relativ wenig Kontrolle rund um die Partnerwahl ausübt, fühlt er sich zurückgesetzt und reagiert neidisch auf diese Macht. Um diese Gefühle auszugleichen, übernimmt der Mann nach der Partnerwahl die Kontrolle: Weil er von der Frau gewählt wird und weil er Angst davor hat, die Frau könnte ihn wieder abwählen, versucht er nun innerhalb der Beziehung die Führung zu übernehmen – und die Frau akzeptiert es meist, denn sie ist auch an einem Ausgleich dem Neider gegenüber interessiert.

Zwar gilt die Ehefrau heute nicht mehr als Besitz des Mannes, die nicht einmal einer Arbeit nachgehen darf, ohne dass der Ehemann zustimmt. Doch noch immer nimmt die Ehefrau bei der Hochzeit mehrheitlich seinen Nachnamen an. Sie bleibt zu Hause, um die Kinder zu versorgen. Sie nimmt die allermeisten Elternzeit-Monate in Anspruch. Sie kocht und erledigt den größten Teil der Hausarbeit. Im Rahmen ihrer neuen Wahlfreiheit beanspruchen manche Frauen die Rolle als Hausfrau und Mutter allerdings auch als Teil eines von ihnen selbstbestimmten Lebens.

Die Macht der Frauen zeigt sich nicht nur in der Partnerwahl, sondern auch in der Sexualität. Weibliche Erregungskurven verlaufen physiologisch anders als männliche. So braucht die Frau im Schnitt länger als der Mann, um das sexuelle Feuer in sich zu entfachen. Der Mann nähert sich schneller dem Orgasmus und muss anschließend in der Regel eine Zwangspause einlegen, bevor die Erregung zurückkehren kann. Die Frau hingegen kann ungebremst von einem Höhepunkt zum anderen fliegen. Diese starke orgiastische Kraft der Frau löst ein ungleich stärkeres Kontrollbedürfnis des neidischen Mannes aus als die sexuelle Macht allein.

Dieses Kontrollbedürfnis drückt sich auf zweierlei Weise aus: Zum einen wird der weibliche Körper zum Projektionsfeld männlicher Phantasien: In bildender Kunst, Literatur, in Film und Fernsehen, in Kirche und Religion – immerzu beschäftigen sich vornehmlich Männer mit dem weiblichen Körper und seiner Wirkung auf Männer. Männer grenzen ein, was moralisch gerechtfertigt und was sündhaft, was erlaubt und was verboten ist. Männer bestimmen, was schön ist und was hässlich. Sie definieren das weibliche Körperideal. Damit entscheiden Männer über den Wert des Körpers einer Frau. Sie gestalten und formen ihn, und sie stellen ihn aus.

Auf indirektem Wege erlangt der neidische Mann so die Kontrolle über die Leidenschaft des weiblichen Körpers zurück. Dabei wird dieser Körper manchmal mythisch überhöht und manchmal als schwach abgewertet. Einmal gilt die Frau als Heilige und ein anderes Mal als Hure, einmal als Männer verschlingendes Monstrum, ein anderes Mal als brave Hausfrau und Mutter ohne jede Sexualität. Es scheint, als könnten (heterosexuelle) Männer zumindest aus kulturhistorischer Sicht kaum einen „normalen“ Bezug zum weiblichen Körper entwickeln.

Zum anderen äußert sich das Kontrollbedürfnis des neidischen Mannes während des sexuellen Aktes selbst: Viel weiblicher Frust in den Betten entsteht durch die mangelnde Bereitschaft des Mannes, sich auf die verschiedenen Erregungskurven einzulassen. Er achtet gemeinhin nicht nur zu sehr auf seine eigene Befriedigung, sondern verweigert der Frau häufig auch jenen Teil der Befriedigung, zu der ihr Körper sie natürlicherweise in die Lage versetzt: mehrfache Orgasmen. Die stärkere sexuelle Potenz bedroht das fragile männliche Selbst so sehr, dass der Mann sie am liebsten ignoriert. Weil der Mann sich biologisch im Nachteil und seinen Selbstwert angegriffen sieht, missgönnt er der Frau ihren Vorteil. Kurzfristig bewältigt er seinen Neid durch das Ausblenden der weiblichen Bedürfnisse. Die langfristigen Folgen allerdings für die sexuelle Lust des Paares bleiben unbedacht.

Teil 33: Weibliche Kommunikationskultur, Sozialkompetenz, Bindungsfähigkeit
Teil 34: Weiblicher Neid auf Männer
Teil 35: Neidisch auf die gesellschaftliche Macht der Männer?

Neid in Partnerschaften: Literatur

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