Wahlstift-Nachrichten 2

Heute erschien ein trefflicher Kommentar im Hamburger Abendblatt zum Wahlstift: Digitaler Wahlstift – Schnelligkeit vor Sicherheit. Der Text formuliert sehr pointiert das Unbehagen an einer Technologie, die nicht mehr überprüfbar, zu komplex und zu wenig transparent ist – zumindest für einen so zentralen Baustein der Demokratie wie Wahlen sie darstellen. Das Prinzip einer allgemeinen, unmittelbaren, freien, transparenten und geheimen Wahl, das einer Abstimmung in der repräsentativen Demokratie zugrunde liegt, ist durch den digitalen Wahlstift massiv verletzt.

Durch eine solche Technologie wird allenfalls das Misstrauen in parlamentarische Organisationsformen weiter gestärkt. Und sie ist an dieser Stelle, ich wiederhole mich, wenn ich Rop Gonggrijp zitiere, „eine Nicht-Lösung eines nicht existierenden Problems„.

Verwundert bin ich am Ende nur, dass sowohl die GAL (Parlamentsdatenbank Drucksache 18/4176), als auch die SPD gemeinsam mit der CDU (Parlamentsdatenbank Drucksache 18/4075) den Senat im Frühjahr 2006 aufgefordert haben, die Abstimmungserfassungswunderwaffe in Hamburg erstmals einzusetzen. Damals hat offensichtlich noch keiner die Tragweite erkannt und über die Konsequenzen nachgedacht. Die Abgeordneten scheint eher motiviert zu haben, noch am Wahlabend das Ergebnis zu erfahren. Doch Auszählgeschwindigkeit – neues, komplexes Hamburger Wahlrecht mit Kumulieren und Panaschieren hin oder her – ist kein schützenswertes Gut. Die allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahl aber sehr wohl.

Wahlstift-Nachrichten

Das Hamburger Abendblatt nimmt sich derzeit intensiver dem Wahlstift an, der am 24.02.08 in Hamburg seine Weltpremiere haben soll.

Hier die Links zu den Artikeln seit dem 25.09.07:

Das Kreuz mit dem Wahlstift

Kippt die SPD den digitalen Wahlstift?

Zum Schaden der Demokratie

So funktioniert der Stift

Sicherheitsbedenken gegen den Wahlstift

Experten warnen: Digitaler Wahlstift verfassungswidrig

Holland wählt Papier

Eine sehr angenehme Meldung erreicht uns aus Holland: Das Niederländische Innenministerium entzieht beleglos arbeitenden, digitalen Wahlgeräten die Zulassung. Künftig wird in den Niederlanden wieder mit Papier und Stift abgestimmt. Nur zum Auszählen der Stimmen sollen digitale Geräte verwendet werden dürfen. Eine unabhängige Kommission, eingesetzt nach dem NEDAP-Hack im Herbst 2006, legte ihren Bericht vor, der auf heise.de so zusammengefasst wird:

„Ausgehend von den Grundanforderungen an demokratische Wahlen – genannt werden explizit die Freiheit, Gleichheit, Allgemeinheit, Geheimheit, Integrität, Transparenz und Verifizierbarkeit der Wahl – kommt die Kommission in ihrem jetzt an Innenministerin Anna Theodora Bijleveld-Schouten übergebenen Bericht zu dem Ergebnis, dass die gegenwärtige Generation von Wahlmaschinen diesen Anforderungen an den Wahlprozess nicht genüge. Sie empfiehlt die Beibehaltung der Papierstimmzettel, spricht sich jedoch für computergestützte Ausfüllhilfen sowie Stimmzettel-Scanner zur schnellen Auszählung aus.“

Der Chaos Computer Club, beteiligt an der Schwachstellenanalyse des niederländischen Wahlcomputers, hat eine Stellungnahme auf seine Webseite gestellt.

Hamburger Wahlstift

Erst heute schaffe ich es, hier ein paar Zeilen zur Veranstaltung „Wie sicher ist elektronisches Wählen?“ zu schreiben.

Zur Erinnerung: Die Hamburger sollen am 24.02.2008 als erstes Wahlvolk der Welt ihr Parlament mit einem digitalen Wahlstift bestimmen. Geht es nach der CDU und der Verwaltung, personifiziert durch den Hamburger Landeswahlleiter Willi Beiß soll auch nur die mittels digitalem Stift erzeugte Stimme als gültige Stimme anerkannt werden.

Soll heißen: Wer mit einem regulären Kuli sein Kreuzchen macht, wird aussortiert. Soll aber auch heißen: Wer per Brief wählt, dessen Stimmen werden anschließend nicht nur einfach ausgezählt. Vielmehr zeichnet ein Helfer die Stimmen nach, um sie zu digitalisieren. All das heißt schließlich: Die Papierstimme wird faktisch abgeschafft. Nachzählen der Stimmzettel und eine resultierende Ergebnisabweichung (wie in einem Testwahllokal in Mainz) haben dann keinen Einfluss mehr auf das Endergebnis.

Verabschiedet die Hamburger Bürgerschaft ein Wahlgesetz, das die elektronischen Stimmen, nicht die Papierstimmen das Endergebnis bestimmen, wird die Möglichkeit einer Gegenprobe faktisch ausgeschlossen. Das Papier, auf dem sich die Stimmen befinden, wird entwertet. Ein Nachzählen wird nämlich dann per Wahlgesetz für sinnlos erklärt.

Das gesamte Wahlstiftsystem wirft weit reichende Fragen auf: Verfassung? Sicherheit? Finanzen? Interessen? Die will ich hier in den kommenden Tagen etwas näher beleuchten.

Demonstrieren gegen Überwachungswahn?

Übermorgen (22.09.) steigt in Berlin eine Demo mit dem Motto „Freiheit statt Angst – stoppt den Überwachungswahn„. Ich habe lange überlegt, ob ich daran teilnehme oder nicht – und mich nun dagegen entschieden.

Nachdenklich gemacht hat mich bspw. dieser Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Die Datenspäher und das Unbehagen, der mit einem Hinweis auf die Demo und folgendem Satz endet: „Ein berechtigtes Anliegen, doch die Verhältnisse, sie sind nicht mehr so.“

Doch geht das Anliegen der Demo nicht an unserer Lebenswirklichkeit vorbei? Müßte das Motto der Demo nicht sein: Freiheit und Angst? Es geht doch nicht wirklich um einen Gegensatz, sondern um friedliche Koexistenz zwischen den Beiden. Wir brauchen die Freiheit für unser Leben, wie wir die Angst brauchen, um zu überleben. Ein bedachter Umgang mit Angstgefühlen ist lebenserhaltend, weil er der Sorglosigkeit einen Riegel vorschiebt. Was wir nicht brauchen sind Windmacher, Aufputscher, Psycho-Drangsalierer vom Schlage Schäuble und Jung.

Schließlich: Überwachungswahn. Ein Phänomen gegen das sich schwerlich demonstrieren lässt – zumal es in der Natur des Wahnes liegt, dass der Wahnbesessene nichts von seinem Wahn weiß bzw. dessen Existenz aufs heftigste bestreitet.

Schäuble! Wegrollen!

Ist das Betreiben einer Webseite, die Schäuble! Wegtreten! heißt, eigentlich diskriminierend?

Wäre es nicht wahrhaftiger, „Schäuble! Wegrollen!“ zu sagen? Doch diese Webseite gibt es noch nicht…

Nach dem Aufwärmen des Atomschlagszenarios durch den Innenminister letzten Sonntag in der FAS ist es nun an der Zeit, ihm seinen Posten zu entziehen.

Warum?

Es ist nicht länger zu tolerieren, dass er seine Ängste auf diese Weise über uns ausgießt. Er will uns zum Teil seiner Angstwirklichkeit machen. Und das sollten wir uns verbeten! Er soll damit zum Therapeuten gehen, nicht zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Er schüchtert uns damit ein. Wir sollen uns klein fühlen gegenüber den wahnsinnigen Mächten, die hier am Werk sind und von denen er weiß.

Schäuble sagt, wir sollten uns an den Engländern ein Beispiel nehmen – und tut selbst alles dafür, diese Versuche mit seinen Ausbrüchen den Erfolg zu versagen.

Untolerierbar! Gefährlich für das Land und seine Zukunft.
Deswegen: Abdanken und in Pension. Oder: Innenminister in einem Schurkenstaat seiner Wahl!

Piloten ungehorsam

Immerhin: Sowohl der Bundeswehrverband als auch der Verband der Jetpiloten empfehlen den Piloten, den Befehl zu verweigern, wenn Sie aufgefordert würden, ein entführtes Flugzeug abzuschießen. Des Verteidigungsministers Vorstoß, notfalls auch gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts einen Abschussbefehl zu erteilen, bleibt neben Schäubles Atomschlagszenario der Aufreger des Tages.

Gegen alle Kritik verteidigt Jung heute seine Ansicht – und erhält für seine Rechtsauffassung Unterstützung aus dem Bundesinnenministerium. Was dafür spricht, dass hier eine CDU-Strategie ihr häßliches Gesicht zeigt. Ziel: Mit einer Angstkampagne vor allem die SPD vor sich her zu treiben, um diese zu weit reichenden Gesetzesveränderungen zu nötigen.

Sehr unappetitlich, das alles.

Schäuble und Jung

Während Herr Schäuble in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor dem Atomschlag warnt, prescht Herr Jung vor – und bekräftigt heute in den Tagesthemen, er würde ein entführtes Passagierflugzeug abschiessen lassen.

Außer Rand und Band die Herren? Sieht so verantwortungsvoller Umgang mit Bedrohungslagen, Bürgerrechten und Verfassungsgeboten aus? Gute Nacht, Deutschland, wenn es mit solchem Führungspersonal irgendwann einmal zur Krise kommt.

Oder alles eine konzertierte Aktion? Psychoterror durch Teile der eigenen Regierung, um die Leute mürbe zu machen? Das Volk weich klopfen, um die eigene Agenda durchzusetzen? Was ist hier los? Wer hat eine Erklärung?

Wie sicher ist elektronisches Wählen?

In der kommenden Woche (Dienstag, 18.09.07, 1800 Uhr, Reimarus-Saal, Trostbrücke 6, 20457 Hamburg) findet in Hamburg eine Veranstaltung zum elektronische Wahlstift statt. Veranstalter sind die Patriotische Gesellschaft von 1765, Mehr Demokratie e.V., wahlrecht.de und der Chaos Computer Club.

Bei der Bürgerschaftswahl im Februar 2008 wird Hamburg als erstes Bundesland einen digitalen Wahlstift einsetzen, um die Kreuze der Wähler zu erfassen. Diese technische Neuerung wirft eine Menge Fragen auf – u.a. jenen nach Daten- und Verfahrenssicherheit: Ist die Wahl dann noch geheim? Kann ich sicher gehen, dass meine Stimme auf dem elektronischen Medium abgespeichert ist? Auf solche und andere Fragen sollen an diesem Abend Antworten gegeben werden.

Was es sonst so auf sich hat mit elektronischen Wahlmaschinen, ist hier zu lesen: Wahlmaschinen, nein danke.

Beckstein zweifelt…

Wird hier mit verteilten Rollen gespielt? Schäuble mimt den Bösen, der designierte bayrische Ministerpräsident gibt den guten, den zweifelnden Cop? In der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung jedenfalls zweifelt Beckstein daran, ob gefälschte Behördenmails ein taugliches Mittel seien, verdächtigen Terroristen auf die Spur zu kommen.

Vielleicht ist die ganze Online-Durchsuchungsstory sowieso eine Ablenkung, mit der das Volk unterhalten wird, während sich SPDCDU im Hintergrund auf deutlich erweiterte Befugnisse der Sicherheitsbehörden einigen, Bundestrojaner hin oder her?