Folgen der Schnellabschaltung AKW Krümmel

Das Bild zeigt, welche Konsequenzen das “sichere” Betreiben von AKW hat, wenn eines wie Krümmel sich plötzlich mal abschalten muss. Wasserpumpen gehen aus und wieder an, Rohre brechen, über- und unterfluten Straßen (hier im Eidelstedter Weg in Eimsbüttel). Insgesamt meldete Hamburg Wasser 16 Rohrbrüche, Hunderttausende hatten kein Trinkwasser.

Das Abendblatt meldet immerhin, Hamburg Wasser befände sich bereits in Schadenersatzverhandlungen mit AKW-Betreiber Vattenfall.

Folgen der Krümmel-Abschaltung

Kita-Protest innovativ, Osterstraße, HH-Eimsbüttel

Ein Hingucker zum Kita-Protest. Als Ankündigung für die Kundgebung von KIta-Angestellten und Eltern am 08.07.09 auf dem Gänsemarkt in Hamburg. Gefunden an der Ecke Osterstraße / Heussweg:

Innovative Ankündigung Kita-Protest
Innovative Ankündigung Kita-Protest

René Pollesch: Die Welt zu Gast bei reichen Eltern

Das Thalia in der (Hamburger) Gaußstraße bringt seit vergangenen November René Polleschs neueste Assoziationsketten auf die Bühne: “Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“.

Ich habe das Stück inzwischen gesehen – und mich erneut erfreut an Polleschs dekonstruierender Lust. Diesmal zerpflückt er die Mythen und Illusionen rund um Liebe, Familie, Eltern, Kinder, frei nach der Zeile: “Warum soll ich das da lieben, nur weil es vor 30 Jahren aus meinem Bauch rauskam?”

“Familie ist ja nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch Kälte und Einsamkeit.”

Oder: “Liebe steht auch unter dem Verdacht, hinter ihr würde sich noch etwas Tiefgründigeres verstecken.”

Sehr empfehlenswert, sehr Pollesch, wenn auch ohne das Schreien, das der Autor in vielen seiner Werke (bspw. “Der Kandidat”, “Splatterboulevard”, “Der okkulte Charme der Bourgeoisie bei der Erzeugung von Reichtum”) zu einer Art Markenzeichen gemacht hat.

Die Wortketten, die Pollesch seine Schauspieler rausschleudern lässt, sind gewohnt vergnüglich und entlarvend, manchmal wie Peitschenhiebe hinein in unseren Alltag, manchmal selbstverliebt assoziierend, aus purer Lust an Kombination und Rekombination. Die Inszenierung bleibt auch deswegen in Erinnerung, weil Regisseur Pollesch die Intentionen des Autors Pollesch mittels multimedialer Techniken umsetzt: Eine Handkamera schickt live mitgeschnittene Bilder direkt auf eine Leinwand.

Insgesamt kurzweilig, anregend, unterhaltsam. Nur die Luftfilter im Theater könnten besser arbeiten.

Harald Schmidt im Thalia-Theater

Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen.” – Ein Gastspiel des Schauspielhauses Stuttgart am Hamburger Thalia-Theater.

Dreizehnmal hat Herr Schmidt als 20jähriger Schauspielstudent 1977 die Elvis-Revue des Stuttgarter Staatsschauspiels gesehen. 30 Jahre nach dem Schleyer-Mord, dem Ende der Bader-Meinhof-Bande und Elvis’ Tod RAFft Herr Schmidt sich auf, die alten und die neuen Zeiten Revue passieren zu lassen. Schmidt nimmt sich Lieder von damals, beschäftigt eine Schauspiel- und Sangestruppe mit Perücken, die ebendiese Zeit simulieren sollen, assoziiert flotte Zwischentexte, Überleitungen, Kommentare und baut geschickt Bezüge zum Hier und Jetzt ein (Stefan “Ich hab’ den Mantel schon an” Aust). Damit fabriziert der Unterhalter einen heiter-kurzweiligen Abend, bei dem aufgrund dialektischer und dialektogener Einsprengsel nicht immer alles verständlich, aber stets alles amüsant ist.

Fazit der Vorstellung: Schmidt ohne die junge Geliebte Pocher (Ulricht Clement im SZ-Magazin) ist politischer, witziger, pointierter, anarchischer.

Ein Interview mit dem Entertainer im Hamburger Abendblatt.

Fatih Akin: Auf der anderen Seite

Mit seinem Film “Auf der anderen Seite” (eine Palme in Cannes 2007 für das beste Drehbuch) stellt Fatih Akin den zweiten Teil seiner Liebe-Tod-und-Teufel-Trilogie vor. Der Tod steht also im Zentrum, so wie die Liebe Gegenstand des ergreifenden, ungezügelten Dramas “Gegen die Wand” ist.

Akin verschachtelt zwei zunächst voneinander unabhängige Geschichten, um vom Tod zu erzählen. Hier die Geschichte von Yeter, einer Türkin, die in Deutschland zu Tode kommt, dort die Geschichte von Lotte, einer Deutschen, die in der Türkei stirbt. Verklammert werden die beiden Episoden durch die Figur des türkisch-stämmigen Germanistik-Professors Nejat Aksu, der die Hamburger Uni verlässt und sich in Istanbul eine Buchhandlung für deutschsprachige Literatur kauft.

Leider kommt Akin dem Tod nicht wirklich nah. Der Sensenmann ist zwar Teil des Plots. Allerdings dient er nur als Scharnier zwischen den Filmteilen. Akin erforscht den Tod nicht. Er dreht und wendet ihn nicht, wie das zu erwarten wäre, wenn der Tod zentraler Inhalt des Films ist. Stattdessen überkommt der Tod die Handelnden ohne Vorwarnung und reißt sie aus dem Leben – weil sie zufällig den falschen Menschen begegnen oder im falschen Moment am falschen Ort sind. Eine Auseinandersetzung mit dem Tod ist so allenfalls für die (Über)-Lebenden möglich. Doch auch die kehren recht schnell in die Bewältigung des eigenen Alltags zurück.

Zudem tragen die Figuren an der Last des Ensemblefilms: Für jede Figur werden viele Fragen nicht beantwortet, weil Raum und Zeit fehlen, sie zu beantworten. Da viele Personen im Mittelpunkt stehen, tut es keine so richtig – und so stark die Charaktere situativ agieren, so blass bleiben sie bezüglich Ihres Antriebes über die Zeit. Biographisch am weitesten spannt sich dabei die Geschichte von Nejat Aksu.

Was imponiert ist die wieder ausgezeichnete Schauspielerarbeit, der treibende Soundtrack und das sichere Timing – auch wenn der Film erst nach ein paar Längen richtig in Fahrt kommt. Die kulturellen Mehrdeutigkeiten, mit denen Akin zu jonglieren vermag wie kein Zweiter, machen seine Filme wertvoll weit über den deutsch-türkischen Kontext hinaus.

Pedro Almodovar: Volver

Alles, was zurückkehren kann, kehrt auch zurück: Geister, Erinnerungen – und manchmal auch Menschen, die man längst verloren geglaubt hat. Der Film variiert die Themen Verlust, Vergessen, Verschweigen in einem Plot, der wie meist bei Almodovar von Frauen getragen wird…

Raimunda lebt gemeinsam mit ihrem Mann Paco und ihrer Tochter Paula in Madrid. Paco, ein biertrinkender, bald arbeitsloser Nichtsnutz wirft seiner Teenager-Tochter begehrende Blicke hinterher, die Böses ahnen lassen. Aus den Blicken wird ein Belästigungsversuch, den Paco nicht überlebt. Raimunda findet ihre in Tränen aufgelöste Tochter und übernimmt die Verantwortung. – Sie beschließt, die Leiche zu beseitigen.

Raimunda muss also eine Entsorgungsaufgabe lösen. Unterdessen bekommt ihre Schwester Sole eine Versorgungsaufgabe: Eines Tages, nach der Rückkehr aus dem Heimatdorf in der La Mancha, steigt die Mutter der beiden Schwestern aus dem Kofferraum von Soles Auto. Obwohl sie ein paar Wochen zuvor bei einem Wohnhausbrand ums Leben gekommen ist. Nun nimmt die Reise in die Vergangenheit erst recht Fahrt auf.

Tatkräftig stellen sich die beiden Schwestern ihren Problemen und kommen dabei einem Familiengeheimnis auf die Spur, das plausibel macht, warum Raimunda ihre Tochter sofort zu entlasten sucht, nachdem sie den Vater getötet hat. Gekonnt choreographiert Almodovar seine Drei-Generationen-Geschichte, deren Protagonistinnen sich erst nach vielen Jahren einander öffnen, das Schweigen brechen, die erlebten Schmerzen benennen, das Erlebte nach außen holen, bevor es sie innerlich endgültig zerfrisst.

Florian Henckel von Donnersmarck: Das Leben der Anderen

Vor wenigen Tagen habe ich wieder einmal Das Leben der Anderen gesehen. Der Oscar-prämierte Film erzählt die Geschichte eines Stasi-Mannes, der vom tausendprozentigen Befürworter knallharter Ermittlungsmethoden im Dienste des Sozialismus zum Verteidiger/Beschützer eines Andersdenkenden wird. Der Film erzählt aber auch, wie Sehnsüchte zerstört werden, Vertrauen mißbraucht wird, Beziehungen zerrüttet werden, Menschen versagen, scheitern, zugrunde gehen, wenn sie ihren Halt, ihre innere Mitte verlieren und eben nicht mehr wissen, auf welcher Seite sie nun eigentlich stehen.

Mir ist jetzt noch klarer, warum der Film nicht nur in Deutschland funktioniert: Die Stasi-Geschichte, die uns die üblen Seiten der DDR näher bringt, ist nur die Folie, der Hintergrund für den viel größeren Stoff, den der Autor erzählt. Ja, im Grunde genommen ist die DDR und ihr Geheimdienst austauschbar gegen ein beliebiges anderes Land und dessen geheime Dienste. Jeden Tag werden noch heute rund um den Globus auf diese Weise Leben zerstört, in so genannten demokratischen Ländern genauso wie in Diktaturen. Aus Menschen werden Geständnisse heraus gepresst, Liebende werden aufeinander gehetzt, Abhängige werden noch abhängiger gemacht. Und all das meist im Namen einer guten Sache. Doch wer auf diese Weise an einer vermeintlich guten Sache beteiligt ist, kann selbst auf Dauer kein guter Mensch sein. Und: All das fällt irgendwann auf die vermeintlich gute Sache selbst zurück. HGW XX/7, Hauptmann Gerd Wiesler erkennt das nach und nach und beginnt, sich dem Bösen zu widersetzen. Da er ein Geheimer ist, sind ihm die Maßnahmen, die Verhaltensregeln, die Winkelzüge vertraut, um subversiv auf die Subversion zu reagieren. So nutzt er seine Chance, dem Bösen zu entkommen, dem er sich einst verschrieben hatte.

PS.: Mit der Sicht derjenigen, die nach 1990 ihre Stasiakten gesehen haben, beschäftigt sich dieser Beitrag: Das Leben des Anderen – Stasiakteneinsichten.

One in Four – Anti-Stigma-Video

Eine Kollegin, die im Projekt Entstigmatisierung von Gedächtnisstörungen arbeitet, entdeckte dieser Tage dieses bewegende Video gegen Ausgrenzung, Vorurteil und Stigmatisierung. Der Film wirbt für das Verständnis von Menschen (Einer von Vier), die anders sind, die in einer anderen Wirklichkeit leben, oder die im Alter anders werden, weil ihr Gedächtnissystem immer größere Lücken aufweist – bis hin zum Verlust der Persönlichkeit.

alejandro gonzález iñárritu: babel

der film ist ein versatzstück-baukasten.

autor arriaga und regisseur iñàrritu verklöppeln versatzstücke mit wiedererkennungswert für den globalen mainstream-kinozuschauer (reisen. terror. behinderung. migration.) zu einer mächtigen bilderflut, mal video-ästhetisch rasant geschnitten, mal gemächlich im kammerton komponiert.

der plot: eine amerikanische touristin (cate blanchett) wird in marokko zufällig opfer eines gewehrkugeltreffers, abgefeuert von einem hirtenjungen, der mit seinem bruder in einen kindlichen konkurrenzkampf verstrickt ist. während der ehemann verzweifelt (ganz schlecht: brad pitt) um die rettung seiner frau ringt, ergeben sich globale verwicklungen…

der regisseur versucht, mit dem werk einem vermeintlichen algorithmus des idealen films näher zu kommen. leider bestimmt das formelhafte den verlauf. dem film fehlt das herz, die wärme, die möglichkeit, sich zu identifizieren. figuren und geschichten sind genauso austauschbar wie die orte und landschaften, vielleicht abgesehen von der tragik der beiden brüder in marokko und der verzweiflung des taubstummen mädchens in japan.

lose ende und mäandernde stränge wirken willkürlich miteinander verkoppelt. nichts in dieser geschichte ist wirklich zwingend. jeder mensch könnte sich in diesem rahmen noch zwanzig andere verläufe ausdenken, die ähnlich plausibel sein könnten.

interessant auch, dass vor dem film zwei spots laufen, die genau dem globalisierungsprinzip und vor allem der globalisierungsästhetik der iñárritu-bilder folgen: eine schnell geschnittene sequenz mit menschen aus verschiedenen lebenszusammenhängen rund um den globus, t-home. und die geschichte der-koffer-geht-verloren-ohne-dass-der-besitzer-es-merkt von rimowa.

ein groß gemeinter wurf, dem es zu einem großen, einem exzellenten film nicht reicht, weil er nähe, weil er starke gefühle als bauteile, module, als programmschleifen verwendet, die sich dem optimierungsanspruch des regisseurs unterzuordnen haben. schade.

in der süddeutschen las ich sinngemäß: der regisseur hat viel zu erzählen, aber nichts zu sagen. und dennoch gabs den golden globe…