Warum müssen wir so lange leben?

Nicht gerade selten taucht diese Frage im Gespräch mit den alten Leuten auf. Heute sagte eine Frau (83) zu mir: „Spritze – und weg. Das wäre doch das Beste.“ Sie sagte es allerdings sehr leise und klang wenig überzeugt. Später forschte ich nach, inwieweit sie Absichten hegt, sich selber aus dem Leben zu nehmen. Das wies sie weit von sich. Das käme für sie nicht in Frage.

Wer sich die Frage nach dem Sinn so lange zu leben stellt, hat meist gute Gründe dafür:

  • langwieriger, langjähriger körperlicher Verfall, schleichend und bei vollem Bewusstsein
  • Krankengeschichten mit Schlaganfällen, Herzinfarkten, Stürzen, Opera-
    tionen, Medikamenten und deren Nebenwirkungen
  • zunehmende Einschränkung der Bewegungsfreiheit
  • Verlust der Unabhängigkeit, Zunahme an Abhängigkeit und Fremd-
    bestimmung
  • Einsamkeit durch den Verlust naher Angehöriger und Freunde

All diese Gründe, einzeln oder miteinander kombiniert, führen bei vielen zu einem drastischen Verlust an Lebensqualität. Auch die Frau aus dem Blogeintrag Hintersinn am Ende eines langen Lebens stellte sich die Frage, warum wir heute so alt werden, und ob das nicht gar ein Fluch sei.

In unserer Weltsicht steht die Verlängerung, der Erhalt des Lebens an oberster Stelle – ohne uns mit dem Preis zu beschäftigen, den wir dafür zahlen, nämlich z.B. den Verlust an Lebensqualität. Dem medizinischen System gelingt es immer besser, lebenserhaltende und lebensverlängernde Methoden erfolgreich einzusetzen – und dennoch werden die Leute, die davon profitieren (zumindest die Alten) immer gebrechlicher und erleben sich als dem System ausgeliefert. Das verlängerte Leben von heute geht einher mit einer ausgeweiteten Phase von Siechtum, von Schmerzen und Leiden. Die Betroffenen können dabei kaum dem Dilemma entfliehen, ein Leben verlängert zu bekommen, das dann nicht mehr das Leben ist, das sie sich eigentlich wünschen.